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Trevor Shane
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„Die Leser müssen in der Lage sein, sich mit einem Killer zu identifizieren“

Trevor Shane über seinen Roman “Paranoia”

Mit Ihrem Roman „Paranoia“ treten Sie zum ersten Mal als Autor in Erscheinung. Erzählen Sie uns, wie Sie zum Schreiben kamen?

„Paranoia“ ist das erste Buch, das geradezu danach drängte, veröffentlicht zu werden. Ich wusste schon immer, dass ich Schriftsteller werden wollte, aber ich wartete, bis ich auf eine Geschichte stieß, die sich lohnte, der Welt mitgeteilt zu werden. Ich bin überzeugt davon, dass „Paranoia“ eine solche Geschichte ist. Zum Glück konnte ich einen Agenten, einen Lektor und einen Verleger finden, die alle derselben Meinung waren. Das war eine unbeschreibliche Erfahrung, und die unglaublich positiven Rückmeldungen auf „Paranoia“ waren einfach großartig.

Sie gehen, wie die meisten Autoren zu Beginn ihrer Laufbahn, noch einem anderen Beruf nach. Wann finden Sie im Alltag Zeit zum Schreiben?

Meistens schreibe ich spätabends, nachdem mein zweijähriger Sohn zu Bett gegangen ist. Ich habe schon immer am besten in der Nacht arbeiten können, weil es dann weniger Ablenkungen gibt und alles ruhig ist. Außerdem habe ich, wenn ich erst nachts schreibe, den ganzen Tag über Zeit, Fragestellungen durchzuarbeiten und über neue Ideen nachzusinnen. So kann ich mich dann gleich mit all meinen neuen Einfällen an den Schreibtisch setzen und ganz und gar im Schreiben aufgehen.

Ihr Debütroman „Paranoia“ schildert eine Gesellschaft im Krieg. Dieser Krieg wird nicht offen ausgetragen, sondern findet im Geheimen statt – zwischen zwei Gruppen inmitten der Gesellschaft, deren Mitglieder sich nach außen hin nicht zu erkennen geben. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Die unter der Oberfläche brodelnden Gefühle von Hass und Paranoia, die in menschlichen Gesellschaften immer wieder in Erscheinung treten, faszinieren mich schon seit langem. In „Paranoia“ werden diese einfach konsequent auf die Spitze getrieben. Es war mir jedoch wichtig, „Paranoia“ inmitten einer scheinbar friedvollen modernen Gesellschaft anzusiedeln. Ich wollte die Leser nicht in eine andere Welt versetzen. Ich wollte ihnen diesen Fluchtweg aus der Wirklichkeit nicht anbieten. Vielmehr wollte ich sie in ihrer eigenen Welt in einen Zustand der Paranoia versetzen. Die Welt ist voller Gewalt, aber viele von uns können ihr, Gott sei dank, aus dem Weg gehen. Ich wollte den Lesern zeigen, dass die Welt, in der sie leben, für einige Menschen eine Dystopie sein kann, während alle anderen zugleich davon überhaupt nichts merken.

In dem Krieg herrschen strenge Regeln, an die die Mitglieder beider kriegführender Parteien gebunden sind. Um welche Regeln handelt es sich, und warum sind sie entscheidend für das Funktionieren dieses Krieges?

Die ersten beiden Regeln sind ziemlich einfach. Das müssen sie auch sein, weil sie Sechzehnjährigen beigebracht werden, die von zu Hause weggerissen und in den Krieg eingewiesen werden. Regel eins lautet: Töte keine Unbeteiligten. Regel zwei lautet: Töte niemanden, der jünger ist als 18 Jahre. Die Regeln bestehen, weil sie es den Soldaten dieses Krieges ermöglichen, auch dann eine Art moralischen Kern aufrechtzuerhalten, wenn ihnen befohlen wird, den wichtigsten Glaubenssatz der modernen Gesellschaft zu brechen: Du sollst nicht töten. Was könnte jemanden, der auf Befehl tötet – der also gezwungen ist, diesen fundamentalen Glaubenssatz zu brechen - davon abhalten, nicht auch wahllos irgendjemand anderen zu töten oder womöglich irgendetwas anderes zu tun, wenn es diese Regeln nicht gäbe? Wie im wirklichen Krieg tragen die Regeln dazu bei, Ordnung im Chaos aufrechtzuerhalten, und sie versetzen die Soldaten in gewisser Weise in die Lage, diese Taten mit Verstand zu begehen.

Haben Sie sich für Ihren Roman intensiv mit den Mechanismen der Kriegspropaganda und der Manipulation von Menschen auseinandergesetzt?

Ich habe Bücher über den Einsatz von Propaganda in verschiedenen geschichtlichen Zeiträumen gelesen und habe an der Universität Religionswissenschaft studiert. Historisch betrachtet, setzen alle Religionen bestimmte Formen der Propaganda ein, um ihre Absichten zu verfolgen (und das meine ich nicht ausschließlich negativ, ich glaube nicht, dass Propaganda an sich immer etwas Schlechtes ist). Ich bin auch auf fiktive zeitgenössische Darstellungen bestimmter historischer Epochen und Schauplätze gestoßen, die erstaunlich hilfreich waren. Beispielsweise ist das Buch von Arthur Koestler „Sonnenfinsternis“ zu diesem Thema unglaublich aufschlussreich. Um über Propaganda in „Paranoia“ zu schreiben, erwies sich für mich jedoch letztlich als beste Methode, mir vorzustellen, was mich selbst dazu bringen würde, an diesen Krieg zu glauben und dafür zu kämpfen. Keiner von uns ist gegen Einflüsse von außen gefeit.

Ihr Romanheld Joe gehört zu einer der Kriegsparteien und ist als Mitglied der operativen Ebene so erfolgreich, dass er sogar zur Ausbildung der nächsten Kriegergeneration herangezogen wird. Mit anderen Worten: Joe ist ein eiskalter Killer. Wie würden Sie Joe charakterisieren?

Für Joe ist Töten sein Beruf, und ich glaube, er macht diesen Beruf sehr gut. In gewisser Weise ist das ein reiner Nebeneffekt des gewaltigen Drucks, unter dem er steht. In „Paranoia“ würden die Attentäter, die ihren Job nicht gut erledigen, ganz einfach nicht besonders lang überleben. Aber ich denke, es ist wichtig, dass Joe, mag er auch ein effizienter, vielleicht sogar talentierter Killer sein, nicht grausam ist. Er tut das, was wir alle täglich tun. Er steht morgens auf und versucht, das Beste aus seiner Situation zu machen. Für mich ist Joe wirklich ein typischer Durchschnittsmensch, nur, dass er in einer brutalen, verrückten Lage festsitzt. Er macht einfach das, wovon er meint, es sei das Richtige. Letztendlich unterscheidet sich Joe von den anderen Soldaten dieses Krieges nicht dadurch, dass er geschickter tötet, sondern darin, dass er schließlich bereit ist, Autoritäten in Frage zu stellen. Joe ist kein Held, weil er der gute Kerl ist. Er ist ein Held, weil er bereit ist zu hinterfragen, ob er wirklich glaubt, dass es gute Kerle überhaupt gibt.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, den Roman konsequent aus Joes Perspektive zu erzählen?

Ich möchte, dass die Leser Sympathie für Joe entwickeln. Ich möchte, dass sie sich mit ihm identifizieren können. Das ist keine einfache Aufgabe, verfolgt er doch auf den ersten zwanzig Seiten von „Paranoia“ eine Unbekannte bis zu ihrem Haus und tötet sie in ihrem Vorgarten. In dieser Situation kann man Leute nur dadurch dazu bringen, sich mit Joe zu identifizieren, indem man sie in seine Perspektive versetzt und ihnen dadurch zeigt, wie es ist, mit dieser Angst, dieser Einsamkeit und der Paranoia zu leben. Um die Welt in „Paranoia“ so wirken zu lassen, wie ich mir das wünsche, müssen die Leser in der Lage sein, sich mit einem Killer zu identifizieren, zu fühlen, was Joe fühlt, und auch nur so viel zu wissen wie er. Deshalb kam einzig und allein die Erzählperspektive der ersten Person in Frage.

Joe ist Täter, aber zugleich ist er Opfer einer anonymen Propagandamaschinerie. Lange ist er überzeugt von dem Weltbild, das ihm indoktriniert wurde, doch allmählich beginnt er Zweifel zu entwickeln und unbequeme Fragen zu stellen. Welche entscheidenden Wendepunkte seines Lebens führen ihn zu einer veränderten Wahrnehmung?

Man könnte sagen, dass sich für Joe alles ändert, als er Maria begegnet, die nicht zu seiner gewalttätigen, konfliktbeladenen Welt gehört, und sich in sie verliebt. In gewisser Hinsicht glaube ich zwar, dass das stimmt, aber ich glaube auch, dass Joe schon begonnen hatte, seine Welt zu hinterfragen, bevor er Maria traf. Ich glaube, dass tatsächlich nur sehr wenige Menschen in ihrem Leben aufgrund eines bestimmten Ereignisses richtige Wendepunkte erfahren, es sei denn, sie hatten bereits einen Punkt erreicht, an dem sie bereit waren, sich zu verändern oder einen Wandel zu akzeptieren. Ich bewundere Joe als Persönlichkeit, weil ich denke, dass er bereits nach einer Veränderung gesucht hat, bevor er Maria traf. Die Ereignisse in seinem Leben und die Begegnung mit Maria nutzte er als Hilfestellung für diesen Veränderungsprozess.

Sie haben Ihren Protagonisten die Namen Joe und Maria gegeben. Spielen Sie mit dem biblischen Bezug der Namen auf etwas Bestimmtes an?

Ich bin fest davon überzeugt, dass einem ein Werk nicht mehr selbst gehört, sobald es veröffentlicht wurde. Wenn es erschienen ist, ist es an den Lesern zu entscheiden, welche Bedeutungen sich hinter bestimmten Dingen verbergen oder wofür etwas Bestimmtes steht. Allerdings glaube ich auch, dass Bücher die Aufgabe haben, Erwartungen in Lesern zu wecken und dann wahlweise diese Erwartungen zu erfüllen oder sich ihnen zu widersetzen. Damit möchte ich sagen, dass ich die Namen Joseph und Maria absichtlich gewählt habe. Zumindest sollen die Namen und deren Bedeutung erahnen lassen, welche Richtung die Geschichte nehmen wird, in der Hoffnung, dass die Leser anfangen darüber nachzudenken, was als Nächstes geschehen könnte.

Der Plot spielt zwar an konkreten Orten in den USA und Kanada, aber es wird weder ein Zusammenhang mit einem realen kriegerischen Konflikt hergestellt noch lässt sich die Handlung zeitlich exakt zuordnen. Warum sind Sie so vage geblieben?

Ich denke, dass das Buch sehr viel von seiner gleichnishaften Stärke verlieren würde, wenn es sich auf reale Kriege bezöge. Es gab Entwürfe, in denen ich deutlicher auf tatsächliche historische Konflikte verwiesen habe, aber wenn man einmal damit anfängt, über reale Konfliktsituationen zu sprechen, kochen Gefühle hoch, und die Menschen fangen sofort damit an Positionen zu beziehen und zu entscheiden, welche Partei im Recht und welche im Unrecht ist. Genau das wollte ich in „Paranoia“ vermeiden. Auf der zeitlichen Ebene war die Unbestimmtheit zuerst nicht beabsichtigt, sondern entstand vielmehr aus dem Versuch heraus, das Buch so allgemeingültig wie möglich zu halten.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Schauplätze der Handlung gewählt?

An den meisten Schauplätzen in „Paranoia“ habe ich entweder selbst gelebt oder ich habe sie häufig besucht, weil nahe Verwandte dort leben. Ich wähle Schauplätze nicht bewusst nach meinen Kenntnissen über sie aus, aber wenn ich mir passende Orte für bestimmte Szenen überlege, versetze ich die Szenen ohne weiter darüber nachzudenken automatisch an Orte, mit denen ich vertraut bin. Handlung und Schauplatz sind zu diesem Zeitpunkt in meinem Kopf bereits so fest verwoben, dass ich nicht mehr versuche, dagegen anzugehen.

Der Krieg in „Paranoia“ tobt zwischen scheinbar ganz normalen Menschen, von denen man im Alltag nie vermuten würde, dass sie einer kriegführenden Partei angehören. Beide Gruppen tragen unter der brüchigen Oberfläche der Zivilisation einen brutalen Kampf aus, der von archaischen Rachegedanken befeuert wird. Sagt dieses dystopische Szenario für Sie auch etwas über den Zustand oder die mögliche Entwicklung unserer Gesellschaft aus?

Ich glaube, dass ein großer Teil der Gewalt, die wir in der Welt wahrnehmen, wie in „Paranoia“ von einem archaischen Verlangen nach Rache hervorgerufen wird. Jeder scheint nur auf das ihm zuletzt zugefügte Unrecht zu reagieren und es als Beweis dafür heranzuziehen, im Recht zu sein und zu den Guten zu gehören. Dabei gerät außer Acht, dass die andere Konfliktpartei sich vielleicht ganz genauso verhält. Ich möchte hier nichts kleinreden oder bei irgendeinem Konflikt auf der Welt das Anrecht der Beteiligten schmälern, sich im Recht zu fühlen, weil ich weiß, dass das alles nicht so einfach ist. Die Komplexität des andauernden Hasses und der Gewalt sind wirklich das zentrale Element in „Paranoia“. Das Einzige, was die Welt in „Paranoia“ von der realen Welt unterscheidet, ist, dass sich die Gewalt in „Paranoia“ im Schatten der Gesellschaft vollzieht, statt offen ausgeübt zu werden. Indem ich den Krieg in den Schatten einer alltäglichen Gesellschaft versetze, hoffe ich, dass die Gewalt die Leser wirklich auf eine Weise packen und mitreißen wird, wie es Gewalt in den Nachrichten nicht tun würde..

Der Roman ist der erste Band einer Trilogie. Können Sie schon etwas darüber erzählen, wie es in den nächsten Büchern weitergehen wird?

Jedes der drei Bücher der „Paranoia“-Trilogie wird einen unterschiedlichen Handlungsstrang verfolgen und jedes wird größtenteils aus der Perspektive einer anderen Person geschildert. Ich hoffe sehr, dass die Leute jedes einzelne Buch als großartige, einzigartige Geschichte erleben. Zugleich spannt sich ein weiterer Bogen über die ganze Geschichte, so dass jedes Buch die beiden anderen auf eine Art durchdringt, die hoffentlich sehr erleuchtend ist und die Trilogie letztendlich zu etwas Größerem werden lässt als nur zur Summe ihrer Einzelteile. In „Paranoia“ werden wir aus der Perspektive des Attentäters Joseph in den geheimen Krieg eingeführt. Dann erfahren wir, wie sich seine Welt verändert, als er Maria begegnet und zu der Entscheidung gezwungen wird, sie entweder auf eine wahrhaft schreckliche Weise in diesen Krieg hineinzuziehen oder vor allem und jedem zu fliehen, was ihm jemals vertraut war. Das zweite Buch stellt diese Geschichte dann auf den Kopf. Es wird überwiegend aus Marias Perspektive erzählt und handelt davon, wie sie sich als Außenstehende immer tiefer in den Krieg hineinbegibt, im Bemühen, etwas wiederzufinden, das sie verloren hat. Im dritten Buch wird schließlich erzählt, wie die Geschichten von Joseph und Maria den ganzen Krieg beeinflusst haben.

© Das Interview führte Elke Kreil für den Goldmann Verlag, 2011.